Warum es noch keinen Benennungsakt gab…

Die Grünen wollen die Glockengasse zu einer Begegnungszone umwandeln. Der Vorschlag stößt auf Gegenwind. Gewaltigen. Und was das alles mit Arthur Lanc zu tun hat.

Uschi Lichtenegger ist ja bekanntlich die erste grüne Bezirksvorsteherin in der Leopoldstadt. Und als solche ist sie bemüht, Duftmarken zu hinterlassen. Ihre Vorgänger aus den Reihen der Sozialdemokratie konnten schließlich davon ausgehen, das Amt an einen Genossen zu übergeben, während Lichtenegger wohl eher davon ausgehen kann, dieses entweder an einen Genossen zurückzugeben oder vielleicht sogar an die Blauen. (natürlich theoretisch auch an die ÖVP, aber noch sind wir davon meilenweit entfernt).

Wie auch immer. Die Leopoldstadt hat offiziell bereits ihren Lanc-Platz, aber eine Benennungsveranstaltung lässt noch auf sich warten. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass die Bezirksvorsteherin diese Veranstaltung gerne als Rahmen für die Umgestaltung des Platzes nach ihren Vorstellungen genützt hätte. Aber der Widerstand in der Bevölkerung gegen diese Umgestaltung ist zu groß. Und deshalb gibt es noch keinen offiziellen Termin.

Schade eigentlich. Weil die Bezirksvorsteherin die Platzbenennung nicht für ihr eigenes politisches Kleingeld-Wechseln verwenden kann, fand diese bisher einfach nicht statt.

Wir warten und hoffen, dass es bald so weit ist. Immerhin haben wir diese Benennung auch nur erreicht, weil wir langen Atem und Hartnäckigkeit bewiesen haben….

Dr. Elga Lanc, Tochter von Artur und Maria Lanc, hat mir zwischenzeitlich die Rede übermittelt, die sie 2015 anlässlich einer Friedens- und Gedenkfahrt bei der Gedenktafel für die „Gerechten unter den Völkern“ Dr. Artur und Maria Lanc in der Neuen Mittelschule für Musik und Ökologie Gmünd gehalten hat. Dafür gebührt ihr Dank.

Ich werde nun in der gebotenen Kürze über die Rettung von drei ungarischen Juden aus dem Lager in Gmünd durch meine Eltern am Ende des 2. Weltkrieges berichten. Nachdem im Frühsommer 1944 ein Transport von ungarischen Juden in Gmünd für die Arbeit in der Kartoffelverwertungs-AG eingetroffen war, erschien eines Tages der Lagerarzt Dr. Lipot Fisch mit seinem Judenstern in der Ordination meines Vaters, um ihn um eine Venenpunktionsnadel zu bitten. Zu dessen großer Verwunderung bot ihm unser Vater auch darüber hinaus seine Hilfe an und hat ihn, so weit es ihm möglich war, mit Medikamenten und Spritzen versorgt und ihn offiziell unter dem Vorwand der Berichterstattung über die gesundheitlichen Verhältnisse im Lager jeden Freitag abends zu uns nach Hause eingeladen, wo sie sie mit unserer Mutter berieten, wie man den Lagerinsassen helfen konnte. Unter anderem haben die Eltern z.B. für sie Kleider und Lebensmittel gesammelt. Als dann im Spätherbst 1944 ein Ausgehverbot für die ungarischen Juden verhängt wurde, hatte unser Vater als Amtsarzt noch Zugang zur Krankenbaracke, wodurch er weiterhin Kontakt zu Dr. Fisch halten konnte. Als sich das Ende des Krieges abzeichnete, wurde meinem Vater mitgeteilt, dass beim Heranrücken der Front an unsere Grenzen, die noch existierenden Juden zur „Endlösung“ in ein Konzentrationslager transportiert werden sollten. Als Amtsarzt sollte mein Vater am Tag vorher davon verständigt werden. Gemeinsam mit Gleichgesinnten, dem damaligen Amtstierarzt Dr. Otto Krisch wurde der Plan zur Rettung gefasst. Unser Vater hatte mit Dr. Fisch das Stichwort Varicellen (Feuchtblattern) vereinbart, wenn er vom Abtransport erfahren würde. In der selben Nacht sollten Dr. Fisch und zwei weitere Personen, die Krankenschwester Piroschka Blau aus Jugoslawien und der Rechtsanwalt Dr. Georg von Uihely, durch eine kleine Hintertür, die in dem riesigen Areal der Kartoffelfabrik aus Schlamperei meist unversperrt blieb, fliehen, über eine freie Wiese laufen und sich in einem anschließenden Jungwald verstecken. Von dort sollte sie Dr. Krisch in der Nacht mit dem Auto mit einem Hupsignal abholen und sie zum Gerbermeister Weißensteiner in Hoheneich bringen, der sie im Dachboden eines abseits gelegenen Rohbaus verstecken konnte. Und zwar gemeinsam mit dessen von den Nazis zum Tod verurteilten Bruder, dem Komponisten Raimund Weißensteiner. Dr. Krisch, der als Amtstierarzt noch am ehesten dazu in der Lage war, sollte sie mit Lebensmitteln versorgen.

Bevor es zur Ausführung des Planes kam, war am 23. Dezember 1944 ein riesiger Transport von weiteren Juden in Gmünd angekommen. Wie unser Vater berichtet, bot sich ihm dort in dem Getreidespeicher eine grauenhafte Situation, die er nie mehr vergessen konnte. Bei tiefen Minusgraden lagen auf dem Betonboden auf schütterster Strohlage 1700 Menschen, zu Skeletten abgemagert und an Ruhr leidend. Sie konnten aus Schwäche nicht mehr die Latrine erreichen, sondern sich nur zur Seite drehen, um ihr Stuhlwasser abzusetzen. Ein einziger Koksofen befand sich in der Mitte des Raumes. Nach langen, dringenden Vorstellungen, dass die Gefahr einer Seuche drohen würde, die durch die Schuhe der Aufseher nach außen getragen werden könnte, erreichte unser Vater die Lieferung von wenigstens einem Waggon Stroh. Und er versuchte Tabletten von Darmsulfonamiden, Tierkohle und Desinfektionsmittel aufzutreiben, was angesichts der Zahl von 1700 Menschen, die unter den schrecklichsten Zuständen litten, nur der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein war. Täglich sind etwa 10 Menschen gestorben, 485 in 55 Tagen.

Auch den leitenden Arzt dieses zweiten Transportes, Dr. Darvas, weihte unser Vater in den Rettungsplan ein, aber dieser antwortete immer nur: „Ich getraue mich nicht“. Er ist dann auch im Konzentrationslager umgekommen. Anfang März 1945 erhielt unser Vater die Nachricht, dass am nächsten Tag der Abtransport aller Juden aus beiden Lagern stattfinden würde. Er eilte in die Krankenbaracke und erwähnte im Beisein eines SA-Führers das vereinbarte Stichwort „Varicellen“, mit dem er Dr. Fisch informierte, dass die Flucht in der folgenden Nacht stattfinden müsse.

Die nächtliche Abholung der drei im Wald Versteckten war jedoch aus Angst vor ihrer Entdeckung nicht geglückt (zu kurzes Hupzeichen, das Auto unbeleuchtet, die drei zu tief im Wald). Daraufhin wagte sich Dr. Fisch in der Früh aus dem Wald heraus, um zum Bahnhof zu gehen und meinen Vater telefonisch vom Scheitern der Aktion zu berichten. In dieser höchst prekären Situation beschloss mein Vater, Dr. Fisch solle zu ihm ins Gesundheitsamt kommen, um die weitere Vorgangsweise zu beraten. Mein Vater nahm dann das große Risiko auf sich, die Aktion am helllichten Tag durchzuführen. Er ging in einem gewissen Abstand mit Dr. Fisch zur Garage in der Bahnhofstrasse, um ihn nach Albrechts zu fahren, wo sie beim Oberförster Oberchristl mit den mittlerweile im Wald von Dr. Krisch Abgeholten zusammentreffen würden. Unserem Vater war es völlig unbegreiflich, dass weder Dr. Fisch auf seinem Weg zum Bahnhof und zum Gesundheitsamt, noch sie beide auf dem Weg zur Garage und dann die 4 km nach Albrechts registriert worden sind. Vor allem, da zu diesem Zeitpunkt der Abtransport der Juden in vollem Gange war und man das Fehlen der Drei bemerkt hatte. Der SA- Kommandant Schälss soll getobt haben „Das war sicher der Lanc, der ist doch immer mit dem Fisch zusammengesteckt. Wenn ich die erwische, knalle ich sie beide ab.“ Die in Hoheneich Versteckten konnten in den nächsten Monaten durch den Tierarzt Dr. Krisch mit Lebensmitteln versorgt werden und so durch das Zusammenwirken aller Beteiligten diese schreckliche Zeit überleben. Die vier Geretteten, feierten dann in unserer Wohnung ein Freudenfest, bei dem sich Weissensteiner ans Klavier setzte und im fortissimo Halleluja spielte.

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