Ein Platz für Artur Lanc

Auf diesem Blog war schon öfters die Rede davon, und jetzt dürfte es Wirklichkeit werden: Artur Lanc bekommt seinen Platz in der Leopoldstadt, konkret vor der Bankfiliale der Erste Bank Leopoldstadt (auf der Grünfläche zwischen Glockengasse und Taborstraße, Höhe Taborstraße 24 – 24a). Ich habe jahrelang für diese Benennung gekämpft und morgen in der Bezirksvertretung dürfte es nun so weit sein. Zumindest haben SPÖ und FPÖ sich durchgerungen, mit uns gemeinsam einen entsprechenden Antrag einzubringen, womit dieser auch eine Mehrheit haben sollte.

Zur Person

Dr. Arthur Lanc wurde als Sohn eines Schneiders am 20.3.1907 in Wien geboren und wuchs ab 2015 in der Leopoldstadt auf. Er besuchte das Gymnasium Zirkusgasse, danach begann er das Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, welches er 1934 mit der Promotion zum Dr. med. abschloss. Während seiner Gymnasialzeit trat er der in der Leopoldstadt ansässigen katholischen Mittelschulverbindung „Donaumark“ (im heutigen MKV) und während des Studiums der katholischen Hochschulverbindung „Nordgau“ (im heutigen ÖCV) bei. Nach dem Studium war Lanc zunächst Sekundararzt in einem Krankenhaus und wurde dann als Allgemeinmediziner Amtsarzt in Gmünd (Niederösterreich), wo er sich während der NS-Zeit und des Krieges Verdienste um die Rettung der damals verfolgten Juden erworben hat.

Lassen wir Lanc selbst zu Wort kommen. Anlässlich einer Ehrung durch den ungarischen KZ-Verband im Jahr 1971 baten ihn seine Kinder um einen Bericht über seine Erlebnisse, der 1984 erstmals veröffentlicht wurde und hier auszugsweise und stark gekürzt wiedergegeben werden. (Für Hinweise und Unterstützung Dank an seine Tochter, Frau Dr. Elga Lanc.)

„Eine Situation, die ich nie vergessen werde können“

(…)Eines Tages erschien in meiner Ordination ein älterer Mann mit dem Davidstern an der Brust und bat um eine kurze Unterredung. (…) „Herr Oberarzt“, stellte er sich vor, „ich bin Dr. Lipot Fisch, der Lagerarzt. Ich habe einen Patienten mit einem Schlaganfall. Darf ich Sie bitten, mir eine Venenpunktionsnadel zu borgen?“ Ich gab ihm die Hand und die Nadel und fragte ihn, wie ich ihm sonst behilflich sein könne. (…) Zunächst halfen wir mit Kleidern, Lebensmitteln und Medikamenten. (…) Als Amtsarzt nahm ich die Gelegenheit wahr, (…) auch die Krankenbaracke der Juden zu visitieren und so den Kontakt mit dem Kollegen aufrecht zu erhalten. (…) Mit dem damaligen Amtstierarzt Dr. Krisch (…) besprach ich die Lage. Dr. Fisch sollte sich noch zwei Landsleute aussuchen können, die wir zu retten versuchen wollten. Vom Arbeitsamt war mir versichert worden, dass ich vom Abtransport der Juden am Vortag verständigt werden würde. Unser Plan war nun folgender: Ich würde mittels des Stichwortes „Varicellen“ (Feuchtblattern) Dr. Fisch verständigen, und in der folgenden Nacht mussten die drei (…) durch ein kleines Hintertürl in der Kartoffel AG entweichen (…). Dann mussten sie allerdings über eine freie Wiese laufen und in einem anschließenden Jungwald an der Straße nach Albrechts sich versteckt halten, wo sie von Dr. Krisch in sein Auto aufgenommen werden sollten. Mit dem braven, aufrechten Gerbermeister Weißensteiner in Hoheneich war vereinbart worden, dass im Dachboden eines abseitigen Nebengebäudes die drei die Wochen oder wenigen Monate bis zum Kriegsende sich versteckt halten könnten, (…). Unterdessen war jedoch eine Dramatisierung der Situation eingetreten. Am Morgen des 23. Dezember erhielt ich die Nachricht, dass ein großer Transport ungarischer Juden in Gmünd eingetroffen sei und im Getreidespeicher hinter dem Finanzamt untergebracht wurde. Ich eilte hin und musste eine Situation erleben, die ich nie vergessen werde können. Bei tiefen Minusgraden lagen dort in dem riesigen Raum auf schütterster Strohlage 1700 Menschen in mangelhafter Bekleidung. (…) Alle litten an Ruhr, waren zu Skeletten abgemagert und fast alle waren so geschwächt, dass sie die seitlich des Lagers angelegte Latrine nicht erreichen konnten. (…) Und dann, an einem frühen Märztag 1945, war unsere Stunde gekommen. (…) Wird alles gelingen oder wird das Schicksal uns alle Beteiligten, aber vor allem mich und meine Familie, Euch drei Kinder im Alter von 5, 4 und 1 Jahr vernichten?

Dramatische Ereignisse

Um etwa ½ 6 Uhr früh läutete bei uns das Telefon. Zu meinem Entsetzen vernahm ich die Stimme Dr. Fischs. Es hatte also nicht geklappt. „Bitte, kann ich Sie sprechen?“ „Von wo rufen Sie an?“ „Vom Bahnhof,“ – kurze Überlegung. Die Flucht war also erfolgt. Sonst hätte er nicht anrufen können, jedoch die Abholung misslungen, da sie ja bereits abends in das Versteck hätten gebracht werden müssen und der Abtransport zu diesem Zeitpunkt hätte in Gang sein müssen. (…) Es war so: Aus Angst waren die drei etwas zu tief in den Jungwald hineingekrochen, und aus Vorsicht hatte Dr. Krisch aus dem natürlich verdunkelten Auto nur ein kurzes Hupsignal gegeben. Als niemand kam, war er nach Hause gefahren. Die drei hatten die ganze Nacht vor Angst und Kälte durchzittert und um 5 Uhr früh hatte sich Dr. Fisch auf den Weg zum Bahnhof gewagt. Ich vereinbarte mit Dr. Krisch, er solle die zwei zunächst nach Albrechts (…) bringen, und ich werde mit Fisch nachkommen. Aber wie, ohne gesehen zu werden? Denn meine Garage befand sich im Gasthof Zwettler in der Hamerlinggasse, Ecke Bahnhofstraße. Ich beauftragte Dr. Fisch, die Bahnhofstraße hinaufzugehen, ich würde ihn ohne zu grüßen überholen, den Rollbalken der Garage öffnen und er solle wortlos in ihr einsteigen. So geschah es. (…) Es ist eines der unbegreiflichsten Vorkommnisse in meinem Leben, dass zunächst Dr. Fisch von niemandem gesehen wurde: Auf dem Weg vom Albrechtser Jungwald zum Bahnhof, dann zum Gesundheitsamt und dann wir beide auf dem Weg zur Garage. Das Öffnen des Rollbalkens und Anstarten des Autos hätte doch um sieben Uhr früh, bei der Benzinknappheit, in der schmalen Hamerlinggasse unbedingt aus den gegenüberliegenden Fenstern Neugierige aufmerksam machen müssen, und dann auf dem Wege aus der Garage am Bahnhof vorbei vier Kilometer nach Albrechts. Dabei war doch um diese Zeit beim Abtransport der Juden durch die SS wegen des Fehlens der drei bereits der Teufel los. Der SA-Kommandant Schälss tobte: „Das war doch sicher der Dr. Lanc. Die sind immer beisammen gesteckt. Aber wenn ich die erwische, knalle ich sie beide nieder.“ Aber es hatte wirklich niemand etwas gesehen. (…)

Als ihm später ein Freund der Widerstandsbewegung sagte, dass der Krieg für die Deutschen verloren sei, dass die Rote Armee bald in Gmünd einrücken werde und dass er sich mit der Rettung der Juden ein gutes Alibi schaffen würde, soll Lanc gesagt haben: „Für mich ist diese Tat kein Alibi sondern für einen Christen eine Selbstverständlichkeit.“ Nach dem Krieg wurde Lanc Amtsarzt an der Bezirkshauptmannschaft Gmünd und erhielt 1973 bei der Pensionierung den Titel Hofrat. Seine Praxis schloss er erst 1986. Von 1955 bis 1970 war er Gemeinderat in Gmünd. Am 16. Dezember 1986 wurden Dr. Artur Lanc und seine Frau Maria in feierlicher Zeremonie in Wien die Ehrenmedaille „Gerechte unter den Völkern“ verliehen. Dieser in Israel nach der Staatsgründung 1948 eingeführte Ehrentitel ist für nichtjüdische Einzelpersonen vorgesehen, die unter nationalsozialistischer Herrschaft während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten. Am 16. Juli 1987 pflanzte Dr. Lanc in der „Allee der Gerechten“ in Jerusalem einen Baum. Er starb am 20. Mai 1995 in Gmünd.

Wahlversprechen gehalten

Ich habe im Vorfeld der Bezirksvertretungswahlen 2015 versprochen, dass ich mich auch weiterhin für diese Platzbenennung einsetzen werde. Im September wird diese Wahl in der Leopoldstadt wiederholt: Dieses Wahlversprechen wird dann bereits eingelöst sein.

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