Die Bildungs- und die Moralkeule

Wenige Tage noch bis zur Bundespräsidentenwahl und die social-media-Plattformen gehen über mit an Panik gemahnenden Aufrufen, nur ja den grünen Kandidaten zu wählen. Da kommt es dann schon vor, dass manche im Übereifer die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten, wie etwa hier https://www.wochenblick.at/irrer-sager-hofer-ist-wie-hitler-deshalb-mehr-abtreibungen/  nachzulesen. Manch Initiative malt gar das Heraufdräuen der Diktatur an die Wand und meint das vielleicht sogar ernst: https://www.facebook.com/wahlkoffer.at/photos/a.1717238921857146.1073741828.1717225115191860/1717633998484305/?type=3&theater

Im ORF gibt man sich gar nicht die Mühe, Objektivität vermitteln zu wollen und ruft mehr oder weniger direkt zur Wahl Van der Bellens auf. Selbst der mit der Bundespräsidentenwahl nicht unmittelbar zusammenhängende Rücktritt des SPÖ-Parteichefs und Bundeskanzlers wird von ORF-Chefredakteur Fritz Dittlbacher (der als „Experte“ ins ZiB-Studio geladen war!) zur Wahlkampfrhetorik pro Van der Bellen genutzt. „Die Unsicherheit im Land steigt natürlich durch den Rücktritt eines Kanzlers. Das könnte schon dem berechenbareren Kandidaten, und das wäre Van der Bellen, durchaus nützen, weil im Endeffekt dann doch viele lieber die Sicherheit als die Eskalation haben.“ Taxfrei wird also ein Kandidat zum Ruhepol erklärt, während der andere als Wegbereiter der Eskalation beschrieben wird.

Selbst wenn man öffentlich bloß kund tut, möglicherweise erstmals in seinem Leben weiß wählen zu wollen, muss man sich rechtfertigen. „Es geht um alles“ und „Man muss in dieser Situation Farbe bekennen“ liest man auf Facebook und nahezu jeder, der sich in diese Richtung deklariert (auch der Autor), fügt ergänzend hinzu, dass er natürlich kein Hofer-Fan sei.

Warum eigentlich? Weil es – zumindest in den sozialen Medien – fast schon zum guten Ton und zum Eignungstest als Demokrat zu gehören scheint, sich, wenn schon nicht pro Van der Bellen dann zumindest nicht pro Hofer zu deklarieren. Und „weiß wählen“ ist da natürlich nicht gefragt, weil man sich ja damit angeblich indirekt für Hofer stark macht. Der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) hat ja sogar einen demokratischen Schulterschluss gegen den FPÖ-Kandidaten gefordert und damit – zumindest indirekt – alle Hofer-Wähler und die FPÖ als solches zu Nicht-Demokraten erklärt.

Nach dem ersten Wahlgang – den der FPÖ-Kandidat ja bekanntlich, ob einem das gefällt oder nicht – haushoch gewonnen hat, kursierten in den Plattformen die schon sattsam bekannten Statistiken. Die Ungebildeten, die mit Pflichtschulabschluss, die Nicht-Maturanten, die Nicht-Akademiker. Die waren es, die Hofer gewählt haben. Man kennt das ja schon von vorangegangenen Wahlgängen. Es ist ja auch angenehm und fühlt sich offenbar gut an, wenn man Menschen, die FPÖ (oder diesfalls eben Hofer) gewählt haben, als Nazis oder eben Ungebildete (Volltrotteln?) hinstellen kann. Selbst Thomas Glavinic, Autor und wohl nicht „verdächtig“ mit den Blauen zu sympathisieren, hat dies auf Facebook einigermaßen verärgert kommentiert: „Diese Selbstgefälligkeit, diese moralische Selbstüberhöhung, diese selbstzweifelsfreie Gewaltsprache, mit der hier Menschen, die ich für intelligent halte, alle Wähler von Norbert Hofer in Bausch und Bogen als Nazis, Pack, Bagage und Abschaum niedermachen, ist mir zuwider.(…)“

Die SPÖ und ihre Unterstützer sollte sich lieber Gedanken machen, warum sie nicht mehr als Arbeiterpartei durchgeht und alle anderen, ob es legitim ist, Menschen ohne höheren Bildungsabschluss gleichfalls jegliche Intelligenz abzusprechen. Vielleicht empfiehlt sich auch der Blog von Thomas Rottenberg, der ganz gut auf den Punkt bringt, dass die Lebensrealität vieler Menschen eben nicht viel mit den Elfenbeintürmchen der politisch ach so Korrekten am Stadtrand zu tun hat: http://www.derrottenberg.com/wahlkampf-in-der-u6/

Noch wissen wir nicht, wer am Abend des 22. Mai das Rennen um das Staatsoberhaupt für sich entschieden haben wird. Es ist aber zu vermuten, dass sich die Erregungsspirale im Netz weiter drehen wird. Wenn die deklarierten Unterstützer beider Kandidaten in der begonnenen Art weitermachen, ist abzusehen, dass die Van der Bellen-Unterstützer immer fanatischer und eindringlicher von der moralischen Pflicht fantasieren werden, die ein aufrechter Österreicher zu spüren hat. Nämlich den rechts stehenden Hofer eben um jeden Preis zu verhindern. Koste es was es wolle.

Die Wahrheit ist: Je mehr die Hofer-Gegner die Moral- und Nazikeule schwingen, desto mehr Menschen werden sie zu Hofer treiben. Weil moralische Überhöhung Justament-Standpunkte befördert und weil sich die Menschen, die Österreicher besonders, das haben schon frühere Wahlgänge gezeigt, nicht gerne sagen lassen, wen sie wählen „dürfen“ und wen nicht.

Ich jedenfalls werde am 22. Mai wählen gehen. Ich habe so meine Probleme mit einem Kandidaten, dessen europapolitische Haltung und dessen sonstige Positionierung mir einigermaßen fremd sind. Ich habe aber auch so meine Probleme damit, einen linksstehenden Universitätsprofessor (der mir politisch ebenso fern steht) als Retter des Abendlandes zu sehen. Daher werde ich diesmal möglicherweise tatsächlich weiß wählen.

Dem Vernehmen nach ist aber schon so mancher der das auch vor hatte – der Moralkeule sei Dank – zu Hofer gewechselt.

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