Es ist wie es ist (oder Strache-Macher, Teil 3)

Die Wahlen in Oberösterreich sind geschlagen und wieder kann man im Internet nachlesen, wie weit sich eine von Intellektuellen geprägte social-media-Blase von den Realität entfernt. Im Elfenbeinturm der Alles-Gut-Wissenden bleibt man weitgehend ungerührt davon, dass es möglicherweise vielleicht doch Gründe geben könnte, dass sich ein Drittel der Wählerschaft für die FPÖ erwärmen kann. Denn, so die einfache und gemütliche Formel: Alles ungebildete Volldeppen, tumbe Rassisten, Modernisierungsverlierer, Alt-Nazis und sonst noch etwas.

Trottelland?

Beispiele gefällig? „Angeblich wird die Weltbevölkerung immer intelligenter. In OÖ ist die Entwicklung umgekehrt!“ war auf Twitter zu lesen oder „Lauter Jubel in der Steiermark. Sie ist nicht mehr das Rechtsaußendepperl der Nation.“ oder auch „Hoamatland du Trottel“.  Nun mag der durchschnittliche FPÖ-Wähler gemessen am formalen Bildungsgrad (die entsprechenden Statistiken werden ja ständig publiziert, wenn die Blauen wieder einmal wo zulegen) tatsächlich nicht zu den „Hochgebildeten“ zählen. Akademiker und Maturanten sind nicht die Masse, die für die FPÖ-Wahlerfolge sorgt. Da sind Menschen mit Pflichtschul- Lehr- und BMS-Abschluss weit häufiger, ja in Oberösterreich hat die FPÖ in zweien dieser Wählergruppen sogar eine teils satte Mehrheit.

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Aber hilft es, sich im Elfenbeinturm zu ereifern, das Wahlergebnis damit zu erklären und (ja, auch das kommt vor!) da und dort gar das allgemeine Wahlrecht in Frage zu stellen? Oder wieder einmal die superlustig gemeinten Zusätze wie „erklärt vieles“ oder „Bildungspolitik überdenken“ dazuzuschreiben? Man wird den Erfolgslauf der FPÖ nicht stoppen, indem man alle, die Strache wählen, zu Volldeppen erklärt. (Ganz abgesehen davon, dass die Gleichsetzung „geringere Formalbildung = geringere Intelligenz“ fragwürdig erscheint).

Selbst Armin Wolf wundert sich

Zur Erregungsfolklore, die stets mit dem Hinweis auf den geringen Bildungsstand der FP-Wähler einhergeht, gehört auch ein Hinweis auf den wahren Kern der Partei. Und der war am Wahlabend rasch gefunden. Der FPÖ-Parteiobmann verkündete im Überschwang des Wahlsiegs, dass nun auch in Wien „erstmals seit 70 Jahren“ ein blauer Bürgermeister möglich sei. Und kluge Köpfe auf Facebook und twitter begannen vorzurechnen: Wiener Bürgermeister 1945 war Hanns Blaschke. Illegales NSDAP Mitglied seit 1931, Teilnehmer am Juliputsch 1934, SS Mann ab 1938. (Dass die Teilnahme am Juli-Putsch erwähnt wird ist schon bemerkenswert – damals wurde Engelbert Dollfuß von den Nazis ermordet und wird von der linken Geschichtsschreibung dennoch gemeinhin als Wegbereiter der Hitler-Tyrannei gesehen, aber das nur nebenbei). Natürlich kann man Strache und der FPÖ Aussagen, Handlungsweisen und Wortwahl vorwerfen und natürlich ist es Tatsache, dass es eine so genannte Kontinuität des Dritten Lagers von den Deutschnationalen über die Nationalsozialisten hin zum VdU und dann zur FPÖ gibt. Aber die Aussage „erstmals seit 70 Jahren“ bezog sich wohl tatsächlich auf das Bestehen unserer 2. Republik. Wie selbst ZiB-Anchorman Wolf auf twitter festhielt: „Finde die Empörung über das ‚Erstmals seit 70 Jahren‘-Strache-Zitat wirkl. lächerlich. Seit 70 Jahren gibt es in Wien wieder demokr. Wahlen.“

Signal oder „normale“ Aussage?

Letzte Anmerkung zum 70-Jahr-Sager: Ja, man kann (im Gegensatz zu Wolf und mir) durchaus der Meinung sein, dass Strache diese Aussage bewusst und als Signal an einen gewissen braunen Bodensatz getätigt hat. Aber wem hilft die Aufregung? Wird sich ein potentieller FP-Wähler deshalb von der FPÖ abwenden? Wird der Zulauf zur FPÖ dadurch gestoppt? Sind alle Wahlmotive damit hinfällig? Mitnichten. Man gibt Strache so nur die Möglichkeit, sich ein weiteres Mal als Opfer einer bösen Journaille zu stilisieren, zumal Journalisten und Medienmacher ja auf Facebook und v.a. twitter sehr stark vertreten sind. Dem weitaus größtem Teil der Wählerschaft wird die Aussage nämlich auf gut wienerisch gesagt „wurscht“ sein. Weil er in Hinblick auf derartige historische Zusammenhänge nämlich gar nicht so sensibilisiert ist. Oder weil er die Aussage wie Armin Wolf einfach auf den Bestand der 2. Republik bezieht.

Fazit

Es ist, wie es ist. Die FPÖ gewinnt bei Landtagswahlen und legt in Umfragen auch auf Bundesebene zu. Man wird dem aber nicht Herr werden, indem man die FP-Wähler zu Volldeppen erklärt oder Straches Aussagen am falschen Ort zu skandalisieren sucht. Stattdessen sollte man eher fragen, warum ein Parlaments-Klubobmann zum geschätzten 4. Mal zum Wiener Landtag kandidiert, aber nach dem Wahlkampf wieder zurück ins Haus am Ring kehrt bzw. dieses nie wirklich verlässt. Oder warum sich jemand zum Wiener Bürgermeister berufen fühlt, der das Rathaus (obwohl er immerhin auch Wiener Parteiobmann ist!!) nur beim Trachtenpärchenball und anderen unpolitischen „Events“ von innen sieht. Oder welche Konzepte die FPÖ in der Flüchtlingsfrage wirklich hat. Ängste schüren und die Verunsicherung von Teilen der Bevölkerung noch zu verstärken ist nämlich ein bisschen wenig.

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