Grüße aus Wien-Bobostan

Wenn ein 80-Jähriger begleitet von heftigem Applaus und Gejohle junger Bobos von „Speibzelten“ spricht und sich über Menschen echauffiert, die „in die Wiese pinkeln“. Dann ist Bürgerversammlung in Wien-Leopoldstadt. So geschehen gestern Nachmittag im Wiener Planetarium.

Intensivere Nutzung

Es ging um die Kaiserwiese vor dem Riesenrad, die seit jeher auch Veranstaltungsort ist. In den letzten Jahren hat sich die Nutzung intensiviert, zumal teils auch länger dauernde Großveranstaltungen dort ausgerichtet wurden. Bedingt auch durch den verregneten Sommer, der die Auf- und Abbauarbeiten bzw. die Regenerierung der Wiese verlängerte, war die Grünfläche aus Sicht vieler Anrainer das Jahr über zu wenig öffentlich zugänglich bzw. nutzbar. In der Bezirksvertretung wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die Grünen beantragten eine Bürgerversammlung.

Ein vernünftiger Ansatz

Die Arbeitsgruppe ist – in Form eines gemeinsamen Antrags von SPÖ, FPÖ und ÖVP, der an den Umweltausschuss und dann ins Bezirksparlament geht – bereits zu einem Ergebnis gekommen. Die Wiese soll weiter für Veranstaltungen genützt werden, allerdings soll die Maximalnutzungsdauer (inkl. Auf- und Abbauarbeiten) 60 Tage pro Jahr betragen. Bei der gestrigen Bürgerversammlung wollten sich die Vertreter der Bürgerinitiative mit dieser Lösung freilich nicht zufrieden geben. Sie fordern ein ganzjähriges Freihalten der Wiese oder zumindest eine Einschränkung der Nutzungsdauer auf 30 Tage pro Jahr.

Worum es wirklich geht

Im Laufe der Diskussion zeigte sich freilich, worum es wirklich und in der Hauptsache geht. Nämlich um die so genannte „Wiener Wiesn“, die den Betreibern der Bürgerinitiative aus unterschiedlichen Gründen schlicht zuwider ist: „zu laut“, „kulturlos“, „passt nicht nach Wien“ etc. Nun muss man natürlich kein Freund dieser Veranstaltung sein. Aber die Wortmeldungen der Unterstützer der Bürgerinitiative ließen schon tief blicken. Es ging nämlich primär darum, dass man in seiner Nähe keine Veranstaltung dieser Art haben will. Anderswo in Wien soll so etwas ruhig stattfinden. Aber nicht hier, nicht bei uns.

Ein Schrebergartl direkt neben dem Verkehrsknotenpunkt

Am deutlichsten brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt, der direkt am Praterstern wohnt (also auf einer der meistbefahrensten Straßen Wiens!). Er wolle nach der Arbeit eben nicht auf die nahegelegene Donauinsel fahren oder zu einer der wenige hundert Meter entfernten Wiesen in der Hauptallee gehen. Nein, die Kaiserwiese muss es sein, die liege mehr oder weniger vor der Haustür. Dass es ein zweifelhaftes Vergnügen ist, sich neben eine stark befahrene Straße zu legen, wenn man in unmittelbarer Nähe wirklich ruhige Grünflächen hat, ist das eine. Dass man aber als Stadtbewohner auf die Grünfläche direkt vor der Haustür pocht und gleichzeitig die Segnungen der Stadt im vollen Umfang genießen will. Das ist Bobostan in Reinkultur nach dem Motto: „Darf eh was los sein in der Stadt, soll sogar viel los sein in der Stadt – aber nicht bei mir in der Nähe. Ich hab ein Anrecht auf mein Schrebergartl.“

Beides geht

Als ÖVP sehen wir die Kaiserwiese als öffentliche Fläche, die phasenweise auch bespielt werden soll und darf. Davon profitieren der Vergnügungspark Prater und der Wirtschaftsstandort insgesamt. 60 Tage veranstaltungsbezogene Nutzung pro Jahr sind ein guter und tragfähiger Kompromiss.

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15 Kommentare zu “Grüße aus Wien-Bobostan

  1. Sehr geehrter Herr Hefelle, dieser 60 Tage „Kompromiss“ ist exakt die Festschreibung des Status Quo, wie Sie ja u.A. gestern den Ausführungen der Versammlung entnehmen konnten. Dass Sie als Unternehmer natürlich auch persönlich betroffen sind und es in Ihrem Interesse liegt, große Volksfeste dort abzuhalten, da die natürlich auch Gewinn für den Prater bringen, ist auch kein Geheimnis.
    Ich finde es sehr ironisch, dass von einem Vertreter der ÖVP der Ausdruck „Bobostan“ kommt. Haben Sie eigentlich einmal nachgeschaut, was das bedeutet? Lieber Herr Hefelle, das ist Ihre Zielgruppe. Oder ist man bei Ihnen schon ein Bobo, wenn man den Volksvertretern widerspricht. Ich möchte Ihnen in Erinnerung rufen, dass Sie selbst so ein Volksvertreter sind. Für die Interessenvertretung hatten wir gestern mit einem Vertreter der Wirtschaftskammer bzw. der Prater GmbH auch da. Auf Kommunikation mit den verärgerten Anrainern wird von Seiten der Stadtpolitik anscheinend wenig Wert gelegt. Schade… immerhin ist ja ein Wahljahr.
    Mit freundlichen Grüßen, ein Nachbar.

    • Da sieht man gleich, wie gut informiert Sie sind. Ich bin vieles, aber kein Unternehmer. Mein Nachbar bei der gestrigen Bürgerversammlung, der auch gesprochen hat, ist Unternehmer. Ich bin – wie auf dem Blog leicht nachzulesen ist – Obmann des ÖAAB Leopoldstadt. Das ist der Arbeitnehmerbund der ÖVP. Ich selbst war immer und bin nach wie vor Angestellter. Unternehmerische Tätigkeiten meinerseits sind bzw. waren lediglich im publizistischen und im Vortragsbereich gegeben. Wohl beides nicht unbedingt im Prater beheimatet 😉 Also habe ich keinerlei Eigeninteressen. Was Bobostan betrifft. Ja, mancher, der medial zu dieser Gruppe gezählt wird, mag potentieller Wähler der ÖVP sein. Die, die ich mit diesem Bericht angesprochen habe, sind es aber wohl nicht. Wenn wir hier auf die Linie der Grünen einschwenken würden – es darf gar nichts mehr stattfinden – würden wir niemand aus dieser Gruppe hinzugewinnen. Die wählen Grün und würden es auch tun, wenn wir den Grünen hinterherhecheln. Außerdem – und das sage ich als Nicht-Unternehmer – geht es auch um die Wirtschaft. Das ist per se nichts Böses.

  2. Sehr geehrter Hr. Hefelle, um einige Dinge gleich vorweg zu klären: Ich bin weder Teil dieser Bürgerinitiative, noch Parteimitglied irgendeiner in Wien vertretenen Fraktion und als Bobo verstehe ich mich auch nicht. Ich war gestern als Bewohnerin und mündige Bürgerin dieser Stadt aus Neugier bei der BürgerInnen-Versammlung zur Kaiserwiese – Neugier vorallem auf die Art und Weise, wie in Wien im Jahr 2015 ein Interessenskonflikt auf Bezirksebene verhandelt wird. Was im Planetarium gestern zu erleben war, spottet aller Beschreibung: Die Art und Weise wie mit BürgerInnen-Interessen umgegangen wird und auch die Art wie versucht wird Stimmung gegen berechtigte Anliegen der AnrainerInnen zu machen, ist beschämend: Eine neutrale Moderation aus Kostengründen abzulehnen, 100 Jahre zurück liegende Event-Nutzungen als Pro-Argument ins Rennen zu führen, die vermeintlichen 60 Tage Veranstaltung als Marginalie hin zu stellen – wobei es 2014 lt. Bezirksvorsteher knapp unter 120 Veranstaltungunstagen waren – und dabei völlig beiseite zu lassen, dass die Kaiserwiese aufgrund der massiven Zerstörungen durch die Veranstaltungen nahezu gänzlich einer anderen Nutzung als der gewinnträchtigen Zeltfeste entzogen wird, ist eine Verhöhnung all jener, die das Denken noch nicht verlernt und als NutzerInnen des Praters Augen im Kopf haben. Der Prater – und auch die Kaiserwiese – ist gewidmeter Grünraum, Freizeit- und Erholungsfläche. Der Wurstelprater ist Event-Areal. Die kalte Enteignung öffentlichen Raums durch die Stadt Wien via Nutzungsverträge an ebenfalls der Stadt gehörende 100 prozentige Unternehmenstöchter mag in der Welt von SPÖ und ÖVP (von der FPÖ und ihrem Wirtschaftsverständis gar nicht zu sprechen, sh. Hypo-Skandal) Normalität sein. In der Welt eines Großteils der BewohnerInnen dieser Stadt werden solche Dinge mittlerweile unter der Kategorie „zunehmend unzumutbar“ gesehen. Worum es wirklich geht? Um das Verhältnis der BürgerInnen – als Souverän – zu den von ihnen gewählten politischen VertreterInnen, um überholte Machtpraktiken, die sich immer weniger Menschen gefallen lassen wollen, um das Bewahren von Grünraum und nicht-kommerziellen Flächen in einer rasant wachsenden Stadt wie Wien. Ganz im Gegenteil zu ihrem Darstellungsversuch haben sich die TeilnehmerInnen der BürgerInnen-Versammlung gestern als äußerst tolerant gezeigt – gegenüber einzelnen Veranstaltungen auf der Kaiserwiese, gegenüber Lärm und Trubel. Es ging den BewohnerInnen mitnichten um Individual-Interessen und auch nicht um Bobo-Problemchen. Ganz im Gegensatz übrigens zur Fraktion der BefürworterInnen, die außer ihr eigenes Profitstreben als UnternehmerInnen und offensichtliche Interessensverstrickungen der ihnen dienlichen Parteien SPÖ und ÖVP nichts ins Rennen führen konnten. Ein Vorschlag zur Güte: Statt 60 Veranstaltungstage festzulegen, werden die Tage der frei zugänglichen Nutzung der Fläche in Form einer intakten Wiese festgelegt: Wie Stadtrat Oxonitsch im Österreich-Interview plädiere auch ich dafür, dass die Kaiserwiese an 300 Tagen und speziell in der warmen Jahreszeit zur freien Nutzung als Wiese zur Verfügung steht. Der Rest ist Veranstaltungszeit inkl. Auf- und Abbau und Flächensanierung (falls notwendig) – das würde sogar 65 Tage Veranstaltungszeit ergeben, man soll ja nicht kleinlich sein. Und die eine oder andere Einzelveranstaltung ließe sich sicher auch in der warmen Jahreszeit vereinbaren – im Einvernehmen mit den AnwohnerInnen und NutzerInnen des Praters. 65 Tage Veranstaltungszeit also – das entspricht doch genau ihrer gestrigen Argumentation, oder? Schlagen Sie also ein – und der Konflikt um die Kaiserwiese wäre schon gelöst.

    • Wir müssen bei unterschiedlichen Veranstaltungen gewesen sein. Ich habe nämlich als Zuhörer festgestellt, dass jeder, der gesagt hat, dass er Unternehmer ist, sofort unterbrochen wurde. Und manche Wortmeldungen für die Anliegen der Bürgerinitiative waren durchaus aggressiv. (wobei sich meiner Kenntnis entzieht, ob diese Menschen nur Befürworter der Anliegen oder Mitunterzeichner der BI waren – ich nehme an, zweiteres.) Die eine „offizielle“ Vertreterin der BI – das gebe ich zu – hat sich sachlich zu Wort gemeldet.
      Was die Nutzung betrifft, wurde gestern festgestellt, dass die temporäre Nutzung auch auf einer Grünfläche legitim ist. (das geschieht ja auch anderswo, siehe Volksstimme-Fest auf der Jesuitenwiese oder Donauinselfest auf der Donauinsel).
      Die Stadt Wien wird im Übrigen seit geraumer Zeit von Rot und Grün regiert, die ÖVP war das letzte Mal von 1996 bis 2001 (unter Dr. Bernhard Görg) Mitglied der Landesregierung. Es ist also nicht so, als könnten Sie uns für alle Entwicklungen in dieser Stadt verantwortlich machen. Die Grünen sind hingegen seit 2010 Regierungspartei. Es ist interessant, dass sie in den Bezirken so tun, als hätten sie rein gar nichts zu sagen.
      Und zu guter Letzt: Ich halte die 60 Tage Nutzung für einen sinnvollen Kompromiss.
      Wenn Stadtrat Oxonitsch das Modell 300 Tage freie Nutzung für zielführender hält, kann er es ja mit seinem Parteifreund und Genossen Hora besprechen.
      Wir legen uns keinesfalls quer sondern haben Interesse daran, die Kaiserwiese auch weiterhin als Veranstaltungsort zu nutzen.
      Allerdings und das ist der springende Punkt: Temporär und in erträglichem Ausmaß. Ich halte das Maximum von 60 Tagen im Jahr für erträglich.

      • „Allerdings und das ist der springende Punkt: Temporär und in erträglichem Ausmaß. Ich halte das Maximum von 30 Tagen im Jahr für erträglich.“
        Sie gehen also mit der BürgerInnen-Initiative d’accord und plädieren für eine maximale Nutzung von 30 Tagen? Sprich: an 335 Tagen im Jahr ist die Wiese intakt und nicht-kommerziell als Grünfläche zu benützen? Setzen Sie sich in der AG und allen weiteren (Bezirks-)Gremien dafür ein? Ist das ein öffentliches politisches Versprechen?

      • „Alle meine politischen Aussagen sind zugleich politische Versprechen“ … die offensichtlich je nach Bedarf und Anlass korrigiert werden …

      • Es war von Beginn an klar, dass die ÖVP als (Mit)antragstellerin die 60 Tage mitträgt. Das habe ich auch im Kommentar selbst ausgeführt.
        Zitat: „Die Arbeitsgruppe ist – in Form eines gemeinsamen Antrags von SPÖ, FPÖ und ÖVP, der an den Umweltausschuss und dann ins Bezirksparlament geht – bereits zu einem Ergebnis gekommen. Die Wiese soll weiter für Veranstaltungen genützt werden, allerdings soll die Maximalnutzungsdauer (inkl. Auf- und Abbauarbeiten) 60 Tage pro Jahr betragen.“
        Das ist wohl mehr als verständlich und da habe ich gar nichts korrigiert.

    • Ich würde Ihnen herzlichst empfehlen, den Beitrag noch einmal durchzulesen. Ich habe dort weder das betrunken sein noch das anschließende sich übergeben beurteilt. Also kann ich es auch nicht als „super“ dargestellt haben. Wie gesagt: Einfach noch einmal lesen. Anmerkung: Urversion dieses Kommentars zum Kommentar des Kommentars am Handy getippt. Daher automatisch bedingte falsche Groß/Kleinschreibung, die nun ausgebessert ist…

  3. Abgesehen von Ihrer interessanten Rechtschreibung [„Betrunken sein“ und „das anschließende sich Übergeben“]:

    Lesen Sie doch Ihren Text selbst durch.
    Dann können Sie erkennen, dass Sie genau das meinen, was ich geschrieben habe:

    „Wenn ein 80-Jähriger begleitet von heftigem Applaus und Gejohle junger Bobos von “Speibzelten” spricht.“
    Das ist ein Zitat aus Ihrem Beitrag.

    Oder meinen Sie etwas GANZ ANDERES?
    Dann wäre es gut, wenn Sie es auch verständlich beschreiben würden.

    Übrgiens empfehle ich Ihnen einen Besuch bei der von Ihnen gelobten Veranstaltung.
    Dann könnten Sie bemerken, dass Alkohol – eine Droge, wie die ÖVP ansonsten gerne feststellt – dort zur „Unterhaltung“ beiträgt.
    Das wollen doch weder Sie noch Ihre Organisation!
    Oder irre ich mich?

    • Zur Rechtschreibung siehe meine Anmerkung. Zum anderen: Lesen! Ich habe die Wies’n nicht positiv oder negativ beurteilt sondern geschrieben, dass man kein Freund derselben sein muss (wenngleich ich mir nicht herausnehme, den rd. 1,2 Mio Besuchern vorzuschreiben, dort keinen Spaß haben zu dürfen).
      Das Zitat “Wenn ein 80-Jähriger begleitet von heftigem Applaus und Gejohle junger Bobos von ‚Speibzelten‘ spricht” gibt die Stimmung der Veranstaltung wieder, stellt aber per se keine Beurteilung der Aussage dar.
      Ganz allgemein, gleichfalls zu allen Reaktionen auf meinen Beitrag:
      Ich verstehe, dass man als Anrainer eine Dauerbespielung der Fläche nicht haben will.
      Ich verstehe aber auch, dass die Wiese weiterhin als Veranstaltungsort genützt werden soll – was ja nb. viele Wienerinnen und Wiener so wollen. Und zwar nicht nur im Zusammenhang mit der oft erwähnten und hitzig diskutierten Wiener Wies’n.
      60 Tage Veranstaltungen, 305 Tage freie Wiese ist wohl ein Kompromiss mit dem man leben kann.
      Ich bin außerdem, wie bereits klargestellt, kein Praterunternehmer. 😉

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