Zehn Anmerkungen zu einem Brief der ÖH-Führung

Das Vorsitzteam der ÖH Uni Wien Camila del Pilar Garfias, Cathy Schneider und Stephanie Marx hat einen Gastkommentar im „Unimag“ veröffentlicht, der nicht unkommentiert bleiben soll.
Die rot-grünen Studenten schreiben:

Eine Welle der Entrüstung erhebt sich in (bildungs-)politischen Gefilden, seit ein Antrag der Universitätsvertretungssitzung der ÖH Uni Wien vom 24.10. die Öffentlichkeit erreichte: „Ein Couleurverbot! Kleidervorschriften an der Uni Wien! Ein unsäglich undemokratisches Vorgehen!“ Nun, mit Verlaub, wir sind irritiert. Wo war der Aufschrei, als die Burschenschaft Teutonia zum Deserteurs Denkmal verlautbaren ließ, dass es eine Schande sei, dass damit jene geehrt würden, die „zur blutbefleckten Roten Armee“ übergelaufen seien, statt jener die für das Vaterland gestorben seien. Wo war die Welle der Entrüstung, als dieselbe Burschenschaft 2009 in einem Flugblatt gegen den „Schandfrieden“ von 1918 krakeelte und das Revidieren von Gebietsabtretungen forderte? Wer hat sich echauffiert, als die Burschenschaft Olympia in den 90er Jahren ein Erstsemestrigenfest veranstaltete, das wenig inklusiv war, denn „studierst Du Publizistik, Politologie oder Theologie oder gar nicht, hast Du den Wehrdienst verweigert oder eine Freundin, die weder schön noch still ist, kurz: bist Du auf irgend eine Weise abnormal oder unfröhlich, dann bleib lieber zu Hause, Du würdest sowieso von uns nicht eingelassen werden.“ Eben diese Burschenschaften sind es, die jeden Mittwoch auf der Rampe des Hauptgebäudes der Uni Wien aufmarschieren, um sich zu präsentieren.

1. Anmerkung: Die vorgespiegelte Überraschung über die Forderung nach einem Couleurverbot nimmt den rot-grünen Studentenvertretern wohl keiner ab. Im Gegenteil ist diese Forderung wohl auch mit dem Ziel erhoben worden, für Debatten zu sorgen. Eine Diskussion zu wünschen ist auch grundsätzlich legitim. Und die haben sie jetzt. Man könnte sogar sagen wunschgemäß.

2. Anmerkung: Ja, man kann und soll über politische Aussagen der Burschenschaften diskutieren. Sie wurden auch mehrmals (und zumeist zu Recht) kritisiert. Aber: Alle diese Verbindungen (auch die Burschenschaften) sind legale Vereine. Daher ist es Ihnen auch erlaubt, in der Öffentlichkeit in Couleur aufzutreten. (es ist auch einem Pfadfinder nicht verboten, in Uniform auf die Uni zu gehen; ein Roter Falke darf, wenn er will, in seinem Blauhemd auf die Uni spazieren und selbst Vertreter des KSV dürfen T-Shirts mit Hammer und Sichel auf schmerbäuchigen Revolutionskörpern Ausgang geben.)

3. Anmerkung: Über die behaupteten Aussagen von Burschenschaftern kann man wie gesagt diskutieren und diese auch kritisieren. Aber: Die Einladung zu einem Erstsemestrigenfest, das mit ziemlicher Sicherheit nicht auf der Uni, sondern in den Räumlichkeiten der genannten Burschenschaft stattgefunden hat, ist Sache dieser Burschenschaft, also eines Privatvereins. Dieser kann seine Einladungspolitik (sofern er sich im gesetzlichen Rahmen bewegt) gestalten wie er will. Er kann den zitierten Einladungstext sogar lustig finden – wer dies nicht tut, der geht halt einfach nicht hin. So einfach ist das.

Die ÖH-Führung schreibt weiter und bezieht sich auf einen katholischen Couleurstudenten (Philipp Hartberger, Jg 1987, Mitglied der Badenia im MKV. Student der Geschichte und Forschungspraktikant am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaften.), der im Unimag u.a. darauf hingewiesen hat, dass katholische Verbindungen zwar Couleur tragen, mit den national-freiheitlichen Verbindungen aber sonst wenig bis gar nichts gemein haben:

Mit Verlaub also, ein Couleurverbot als Gefahr für die Demokratie, während die Burschenschafter nur „eine andere Meinung“ haben? Ein Couleurverbot beträfe ebenso katholische Verbindungen – richtig. Katholische Verbindungen sind keinesfalls gleichzusetzen mit deutschnationalen Burschenschaften – richtig. Hat auch niemand behauptet. Schön, dass wir im Anschluss an den Gastkommentar von Philipp zumindest darin übereinstimmen, welche Gefahr von Deutschnationalen ausgeht. Schade allerdings, dass die Kritik an christlichen Studentenverbänden derart relativiert wird. Es ist klar sexistisch, dass Frauen in einer Vielzahl katholischer Verbindungen nicht aufgenommen werden – und es ist eine berechtigte Frage, wieso diese Geschlechtertrennung weiterhin gehegt und gepflegt wird. Dass es diesbezüglich „Ausreißer“ gibt, kann andere Verbindungen nicht vor Kritik bewahren – gerade in Anbetracht der Tatsache, dass Gemeinsamkeiten und verbindende Elemente sonst so gern hervorgekehrt werden. Dem soll an dieser Stelle nur der sehr kluge Kommentar der Politikwissenschaftlerin Dr.in Alexandra Kurth zur Abgrenzung des Österreichischen Cartellverbandes (ÖCV) zu den deutschnationalen hinzugefügt werden: „Die Ausschlüsse des ÖCV werden in der Öffentlichkeit weniger stark in Frage gestellt als die der deutschnationalen Burschenschaften, was wenig über den ÖCV und viel über das Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit sagt.“

4.Anmerkung: Der besagte Philipp hat keinesfalls davon geschrieben, dass von irgendjemandem eine Gefahr ausgeht. Er hat lediglich darauf hingewiesen, dass die ÖH-Führung die notwendige Differenzierung zwischen den unterschiedlichen farbstudentischen Gruppierungen vermissen lässt. Er hat weiters darauf hingewiesen, was für die überwiegende Mehrheit der Farbstudenten in Österreich (nämlich die christlichen bzw. katholischen Verbände) eine Selbstverständlichkeit ist: Nämlich das Bekenntnis zur Republik Österreich und zur Demokratie (Patria), zur gelebten Nächstenliebe und Toleranz (Religio) und zur Bereitschaft, lebenslang zu lernen (Scientia).

5. Anmerkung: Was den Sexismus-Vorwurf betrifft: Die katholischen bzw. christlichen Verbände (bzw. die in diesen organisierten Verbindungen) sind private Vereine. Folglich dürfen sie auch selbst bestimmen, wie sie organisiert sind. (nb gibt es auch Frauenverbindungen und, außerhalb der Verbände organisiert, gemischte Verbindungen). Kritik an der männerbündischen Organisationsweise von CV, MKV etc.: Ja, gerne. Aber das rechtfertigt kein Couleurverbot auf der Uni (das, nebenbei bemerkt, natürlich auch die Frauen- bzw. gemischten Verbindungen treffen würde!)

Und weiter geht’s in den sinnreichen Erläuterungen der linksgerichteten ÖH-Führung:

Über ein paar weitere Details sollten wir uns außerdem verständigen: „Couleur“ ist nicht eine Kleidung, nicht eine Hose oder Pullover, die morgens aus dem Kleiderschrank gezogen werden. „Couleur“ ist ein politisches Symbol, das von Burschenschaften getragen wird um Präsenz zu zeigen: für die Verbindungen und ihre Ideologie. Ein „Couleurverbot“ gab es bis 1954 sowohl an der Uni Wien (aufgehoben wurde dieses durch das Urgieren eines Mitglieds einer katholischen Studentenverbindung) als auch beispielsweise in den 50er Jahren an der Freien Universität Berlin (FU). Noch heute positioniert sich das Präsidium der FU hier eindeutig und stellt klar, dass die FU „seit ihrer Gründung stets Distanz zu solchen Traditionen halte“ und Dekane aufgefordert seien „darauf zu achten, dass Vertreter studentischer Verbindungen nicht in Farben auf dem Campus auftreten“ Dies mit der Begründung, dass die Ideologie und Positionen nicht mit den Grundsätzen der FU Berlin vereinbar wären.

6. Anmerkung: Ja, es mag sein, dass das Couleur (auch) ein politisches Symbol ist. Das ist ein Che Guevara-Leiberl aber auch. Und das früher gern getragene Palästinensertuch ebenso. Sogar so manches Ostbahn-Kurti-Leiberl kann man als politisches Statement betrachten. So what! Abgesehen davon kann man, s.o., die Positionen der katholischen Verbindungen nicht mit jenen der national-freiheitlichen Korporationen gleichsetzen. Das nur nebenbei.

Weiter geht’s aus rot-grüner Feder:

Eine Demokratie muss verschiedenen Meinungen aushalten. Und es ist – pathetisch formuliert – auch im demokratischen Rahmen, dass diese selbst in Frage gestellt wird. Und genau dies tun deutschnationale Burschenschafter! Homophobie, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus sind keine „Meinungen“ im freien Austausch, sondern unterminierend den demokratischen Grundsatz der Gleichheit. Wenn die Demokratie dergestalt in Frage gestellt wird, sollten alle ihre Verteidiger und Verteidigerinnen – und hier seien diejenigen zuerst aufgerufen, die momentan im Namen der Demokratie für die Burschenschaften in die Bresche springen – alarmiert sein!

7. Anmerkung: Sexismus (der ja für die ÖH-Führung offensichtlich schon erfüllt ist, wenn ein Privatverein nur Männer aufnimmt) gleichzusetzen mit Rassismus und Antisemitismus ist per se schon fragwürdig. Es ist nicht minder fragwürdig, die national-freiheitlichen Verbände samt und sonders mit o.a. Begriffen gleichzusetzen. Vollkommener Blödsinn ist es aber, diese Charakterisierung auf jeden Couleurträger (und jede Couleurträgerin) und damit auch auf die Mitglieder der christlichen/katholischen Verbände anzuwenden. Oder treffen, um Beispiele zu nennen, all diese Attribute auf Caritas-Direktor Michael Landau (Urmitglied einer MKV-Verbindung) zu? Ist Thomas Gottschalk (Urmitglied einer deutschen CV-Verbindung) homophob und antisemitisch? Waren die Verbindungsstudenten Viktor Adler und Karl Marx Sexisten? (Die Letztgenannten waren freilich Mitglieder national-freiheitlicher Korporationen, weshalb ich deren Beurteilung gerne der ÖH-Führung oder auch den national-freiheitlichen Korporationen überlasse; ich bin nämlich weder Sozialdemokrat noch Burschenschafter ;-))

Rot-Grün kommt in Fahrt:

Auch wenn die derzeitige Berichterstattung auf etwas anderes schließen lassen würde, umfasste der auf der Universitätsvertretungssitzung beschlossene Antrag übrigens mehrere Beschlusspunkte. Allem voran ist es uns ein Anliegen, dass die Universitätsleitung ein klares Statement abgibt und sich von dem Gedankengut deutschnationaler Burschenschaften distanziert und in diesem Zuge den mittwöchlichen „Farben-Bummel“ auf der Rampe der Universität inhaltlich ablehnt.

8. Anmerkung: Ja, eh. Wenn die Universitätsleitung sich von einem Gedankengut distanzieren will, wird sie es tun. Sie kann aber nicht gezwungen werden, Bekleidungsverbote zu verhängen. Das hat sie mittlerweile selbst schon klar gestellt.

Die ÖH-Führung versucht zu konkretisieren:

Wieso wir als ÖH Uni Wien nicht wollen, dass die deutschnationalen Burschenschafter jeden Mittwoch auf der Unirampe stehen ist eigentlich ganz einfach: rechtsextremem Gedankengut darf kein Raum gegeben werden sich selbst zu profilieren und zu verbreiten. Eine freie Universität, wie sie dieser Tage lauthals eingefordert wird, wollen wir auch. Eine freie Universität kann aber ausschließende Ideologien, wie sie die Burschenschaften eindeutig an den Tag legen, keinen Platz liefern. Eine freie Universität ist eine eindeutig antifaschistische, eine, die ein solidarisches Miteinander einfordert und Ausgrenzung keinen Platz liefert.

9. Anmerkung: Ja, eine freie Universität sollte das aushalten: Che Guevara-Leiberln und eben auch Couleurträger. Punkt.

Zuletzt gehen die rot-grünen Studenten auch noch auf die Einladung des o.e. Philipp Hartberger ein, der angeboten hatte, eine Bude zu besuchen („Ich lade euch daher herzlich auf die Buden Wiens ein, damit ihr erleben könnt, was es bedeutet Couleurstudierender zu sein, damit ihr endlich erkennt, wie sehr ihr euch irrt“):

Danke für die Einladung, aber…lieber Phillip, in Räumlichkeiten in denen Doppelkopfadler, Dollfuß-Portraits und/oder Ähnliches hängen, wollen wir unsere Zeit nicht verbringen. Wir trinken unser Bier ohne männerbündlerische Rituale! Außerdem haben wir uns lange und intensiv mit Burschenschaften auseinander gesetzt und auch eine Broschüre zu „Völkischen Verbindungen“ herausgegeben, die wir allen ans Herz legen wollen. Als ÖH Uni Wien werden wir Studierende nicht nur mit Beratung und Gremienarbeit zur Seite stehen, wir werden auch weiterhin dort anzufinden sein, wo Rechtsextreme ihre Ideen verbreiten wollen und uns ihnen in den Weg stellen – für eine Universität und Gesellschaft frei von Nationalismus, Sexismus, Homophobie, Rassismus und Antisemitismus.

10. und letzte Anmerkung: Der besagte hat die ÖH-Führung eingeladen, eine der zahlreichen Wiener (katholischen bzw. christlichen) Buden zu besuchen. Er hat weder von Bier trinken geschrieben, noch angeboten, „männerbündlerische Rituale“ durchzuführen. Und schon gar nicht hat er zum Besuch einer Burschenschaft eingeladen. Das kann und darf er nämlich als Nicht-Mitglied einer solchen gar nicht. Der Hinweis auf die Auseinandersetzung mit Burschenschaften und die Broschüre zu den „Völkischen Verbindungen“ (die eher den hautegout eines Pamphlets hat, und das schreibe ich als Nicht-Burschenschafter!) zeigt, dass die ÖH-Führung die notwendige Unterscheidung zwischen katholischen und national-freiheitlichen gar nicht machen will.

So wie sie ganz insgesamt am Gespräch mit Andersdenkenden nicht interessiert ist. Weder mit den einen (national-freiheitlichen), noch mit den anderen (katholischen) Couleurträgern. Das mag ihr gutes Recht sein. Akademisch-redlich ist es nicht.

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