Chronologie einer Erregung

Skandal! Alltagsrassismus! Eklat!
So hallte es durch die social-media-Kanäle und wurde es auf den online-Auftritten der heimischen Printmedien wiedergekäut.
Was war passiert? In einem Wiener Gymnasium (seit gestern wissen wir, dass es sich um das Bernoulligymnasium in Wien-Donaustadt handelt) mussten Schüler auf einem Arbeitsblatt mit Anagrammen im Rahmen einer unverbindlichen Übung für Legastheniker die Wortkombination „Neger/Enger“ finden. Zur Auswahl standen daneben noch Kombinationen dieser Worte mit den Begriffen „Regen“ und „Gerne“. Nun stellt sich weniger die Frage, ob es noch viele Möglichkeiten für Anagramme mit den hier betroffenen Buschstaben gibt (mir fallen auf die Schnelle nicht viele ein), sondern eher die, was es mit diesem Test auf sich hatte.
Spirale der Aufgeregtheit
Die Erregungsprofis im Netz hatten für derartige Fragen freilich keine Zeit. Sofort rochen sie Rassismus und gefielen sich darin, die Spirale der Aufgeregtheit in gewohnter Weise in die Höhe zu treiben. Natürlich war von Konsequenzen die Rede und implizit ging jeder davon aus, dass die betroffene Lehrerin den Test bewusst und ergo rassistisch motiviert eingesetzt hat. Und dann das: Das Arbeitsblatt stammt aus einem Förderheft für Legastheniker aus dem Jahr 1972 (als, nur zur Erinnerung „Neger“ noch ein gebräuchlicher und keineswegs als diskriminierend wahrgenommener Ausdruck war) und wurde laut Direktor des zuständigen Gymnasiums von der Lehrerin mehr oder weniger irrtümlich ausgeteilt. Soll heißen, die Lehrerin hat erst beim Austeilen bemerkt, dass das Wort „Neger“ enthalten ist. Statt die Blätter wieder einzusammeln hat sie es vorgezogen, den Ausdruck zu erklären. Was ja durchaus Sinn macht und wohl auch aus pädagogischer Sicht sinnvoller ist. Bevor diese Details ans Licht kamen, war die – von den vielen unreflektiert übernommene – Skandalisierung des Falles freilich längst perfekt.

Was besonders skurril anmutet: Die betroffene Lehrerin hat selbst ein dunkelhäutiges Mädchen adoptiert. Huch!

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