Zahlenspiele

Es ist nun schon fast eine Woche her, dass Österreich gewählt hat.
Nicht weniger als 6.384.331 Österreicherinnen und Österreicher waren zu den Urnen gerufen, aber nicht mehr als 4.782.563 oder 74,9 Prozent haben ihre Stimme auch tatsächlich abgegeben. Das heißt, die „Partei der Nichtwähler“ liegt mit 25,1 Prozent knapp vor der ÖVP und nicht wirklich weit hinter der SPÖ. Und schon wird auf Twitter und anderen sozialen Netzwerken überlegt, ob man wohl die Wahlpflicht wieder einführen und Strafen für’s Nicht-Wählen verhängen könnte. (dass man sich damit auf einer Linie mit dem sonst so verhassten HC Strache befindet, scheint niemanden zu jucken und soll hier auch außer acht gelassen sein). Fakt ist, dass die Nichtwähler als einzige einen höheren Anstieg zu verzeichnen haben als neu in das Parlament eingezogenen Parteien. Und Fakt ist weiters, dass die Nichtwähler nur auf den ersten Blick hinter der SPÖ liegen. Denn die Prozentzahlen der gewählten Parteien berechnen sich – im Gegensatz zur Anzahl der Nichtwähler – auf Basis der abgegebenen Stimmen. Nimmt man auch bei den in den Nationalrat gewählten Parteien die Gesamtzahl der Wahlberechtigten als Grundlage, dann käme die SPÖ mit 1.258.605 Stimmen nicht auf 26,8 sondern lediglich auf 19,7 Prozent, die ÖVP läge mit 1.125.876 Stimmen nicht auf 24 sondern auf 17,6 Prozent. Und die Nichtwähler kämen mit 1.601.768 „Wählern“ eben auf 25,1 Prozent.
Das rote Wien: Eine Chimäre
Selbst das „rote Wien“ erweist sich, betrachtet man die nackten Zahlen, als Mythos. So haben in der Bundeshauptstadt von rund 1,2 Millionen Stimmberechtigten überhaupt nur rund 807.000 gewählt, was einer Wahlbeteiligung von nicht einmal 70 Prozent entspricht. Knapp über 250.000 Wienerinnen und Wiener haben zwar der SPÖ ihre Stimme gegeben, aber über 350.000 Wienerinnen und Wiener haben es vorgezogen, überhaupt zu schwänzen. Die Nichtwähler sind also 100.000 Stimmen „stärker“ als die SPÖ. Zum Vergleich: Der FPÖ, in Wien zweitstärkste Partei und mit elf Prozentpunkten doch deutlich hinter der SPÖ, fehlen auf die Bürgermeisterpartei nicht einmal 90.000 Stimmen.
Ein anderes Zahlenspiel: Wien hat etwa 1,2 Millionen Wahlberechtigte, bundesweit haben rund 1,6 Millionen Menschen nicht gewählt. Der Nichtwähleranteil liegt also weit höher als die Gesamtzahl der Wiener Wahlberechtigten. Selbst wenn man Graz und Linz hinzuzählt liegen die Wahlberechtigten in diesen drei Städten mit insgesamt 1,5 Millionen noch unter den Nichtwählern.
Schwachsinn Nichtwählerpartei
Natürlich ist es Schwachsinn, von den Nichtwählern als Partei zu sprechen: Sie sind eine heterogene Masse, die weder ein Programm, noch gemeinsame Inhalte noch gemeinsame Interessen hat. Nicht einmal das Motiv für das Nichtwählen eint sie, denn es reicht von „Ist mir egal“ über „Ich hatte keine Zeit“ bis hin zum wenigstens noch halbwegs ernst zu nehmendem „Ich fühle mich durch keine der kandidierenden Partei vertreten“. Während man in Österreich noch rätselt und die geringe Wahlbeteiligung als alarmierend beurteilt, haben sich in Deutschland Intellektuellengruppen gebildet, die die Wahlenthaltung als schicke, weil ach so apolitische Tugend darzustellen versuchen. Sie geben sich intellektuell-nachdenklich, vermitteln aber eher den Eindruck, alle anderen – auf gut wienerisch – für Trotteln zu halten.
Doch zurück nach Österreich. Muss es tatsächlich ein Alarmsignal sein, wenn über 35 Prozent der Bürger nicht wählen gehen? Wohl eher, dass fast sechs Prozent der Stimmbürger von den politischen Parteien offensichtlich so desillusioniert sind, dass sie einem alten Milliardär, der in TV-Konfrontationen nicht einmal sein eigenes Programm wieder geben kann (und stattdessen von automatischen Geldwechselautomaten und der Todesstrafe für Berufskiller spricht) ihre Stimme geben.
Alles paletti?
Man könnte – und zwar mit einiger Berechtigung – behaupten, dass es den Menschen in einem Land mit derart geringer Wahlbeteiligung durchaus gut gehen muss. Aber naturgemäß stellt sich die Frage, ob man die hohe Anzahl jener, die von ihrem demokratischen Recht nicht Gebrauch machen wollen, einfach ignorieren kann. Nein, kann man natürlich nicht. Und es ist glasklar, dass sich die politischen Parteien – vor allem die ehemals großen – ernsthafte Gedanken machen müssen. Es wäre deren ureigenste Aufgabe, Wege zu finden, um die Menschen wieder für politische Vorgänge zu interessieren.
Fix ist aber auch: Jene, die nicht wählen waren, haben schlicht nicht das Recht, sich über politische Zustände oder Zuwächse bestimmter Parteien aufzuregen. Denn sie hätten die Wahl gehabt.

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