Ganz schön seltsam (ACADEMIA Feb. 2013)

Ein bereits im März des Vorjahres produzierter Aufklärungs-Lernbehelf fuür 6- bis 12-jährige (Titel: „Ganz schön intim“) sorgte in den letzten Monaten des Jahres 2012 für Diskussionen, die allerdings in den Medien zu asymmetrischen Reaktionen führten. (Paul Hefelle, ACADEMIA Februar 2013; http://www.oecv.at)
Das Ende der Aufregung markierte ein ganzseitiger Artikel im „Standard“, der mit „Die Suche der ÖVP nach ihrem Familienbild“ betitelt war. Ein bezeichnender Ausgang einer Diskussion, in der das auslösende Moment recht bald außer Acht gelassen wurde. Hier die fortschrittlichen Kräfte, die die Realitäten unserer Gesellschaft zur Kenntnis nehmen und dort die Kritiker der Broschüre – reaktionäre Hinterwäldler, die einem veralteten Gesellschaftsbild von Vater-Mutter-Kind anhängen und folglich nicht ernst zu nehmen sind. Doch der Reihe nach. Mitte November veröffentlichten Gudrun Kugler- Lang und Maximilian Lobmeyr als betroffene Elternteile eine Stellungnahme, in der sie sich mit der vom Unterrichtsministerium in Auftrag gegebene Broschüre beschäftigten. Inhaltlich wurden unter anderem die unkommentierten Hinweise auf Leihmutterschaft und Samenbanken (beides ist in Österreich gesetzlich verboten) beanstandet. Unterrichtsministerin Claudia Schmied, die die Broschüre in Auftrag gegeben hatte und damit politisch verantwortlich ist, kündigte angesichts der Diskussion an, die Passage mit der Leihmutterschaft ändern zu lassen. Grundsätzlich halte sie jedoch an der Broschuüre fest, ließ sie über „derstandard.at“ verlauten. Kein einziges Medium hinterfragte kritisch, warum ein halbes Jahr eine Broschüre mit falschem Inhalt im Umlauf war. Und kein Medium thematisierte, ob Schmied dies bewusst zuließ oder – ebenso kritikwürdig – sich einfach nicht darum gekümmert hat.
Die „Bearbeitung“ der Familie
Die Kritiker der Broschüre (nach den oben erwähnten reihten sich auch ÖVP, FPÖ und BZÖ ein) monierten zudem die Diskreditierung der „klassischen“ Familie. Das mag weit hergeholt klingen, tatsächlich machten die Verfasser aber kein Hehl aus ihrer Zielsetzung: „Trotz vieler Bearbeitungen von Schulbüchern und sonstigen Medien, die auf die Diversitäten der Lebensformen von jungen Menschen reagieren, hält sich das Bild der klassischen Mutter-Vater-Kind- Familie als anzustrebendes Ideal hartnäckig, ungeachtet der Tatsache, dass knapp die Hälfte aller Kinder in Österreich in anderen Verhältnissen leben“, heißt es auf Seite 43. Es wird also etwas „bearbeitet“, das sich trotzdem „hartnäckig hält“? Viel deutlicher kann man nicht zum Ausdruck bringen, dass man die Vater-Mutter-Kind-Familie für ein beseitigungswürdiges Relikt hält. Und wieder schwiegen die Medien, mit Ausnahme des „Presse“-Chefredakteurs Rainer Nowak, der die Absicht erkannte und gleichzeitig zu denken gab, dass man schon auch diskutieren könne, warum es nicht Aufgabe der Eltern sein sollte, „aufzuklären und zu vermitteln was gut und was nicht gut ist“. Was ebenfalls nicht thematisiert wurde: Laut Statistik Austria leben fast 80
Prozent der Kinder unter 18 Jahren in Österreich bei ihren leiblichen Eltern, acht Prozent in Patchworkfamilien und zwölf Prozent bei einem alleinerziehenden Elternteil. Die Verfasser arbeiten also eindeutig mit falschen Zahlen – aber keinen Journalisten interessiert es.
Abgesehen davon belegen Umfragen, dass junge Menschen auch heute noch zu überwiegendem Teil die „klassische“ Form des Zusammenlebens als erstrebenswertes Ideal ansehen. Ideale wiederum sind dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht immer erreicht werden. Nach Vorstellung eines aufgeklärten Gemeinwesens werden sie auch nicht durch „Bearbeitung“ in die Köpfe der Menschen gesetzt, sondern entstehen schlicht aus den Wunschvorstellungen jedes einzelnen.
Das intergeschlechtliche Kind
Ein weiterer Kritikpunkt an der Broschüre: Die Zweigeschlechtlichkeit soll aufgehoben oder zumindest relativiert werden. „Viele Initiativen setzten sich dafür ein, (…) die Vielfalt von Geschlechteridentitäten (ebenso beispielsweise Transgender, Transsexualität, queere Identitäten) anzuerkennen. Dieses Bestreben stellt den eng gesteckten, künstlich geschaffenen Rahmen der angenommen Zweigeschlechtlichkeit in Frage.“ (S. 69). Dem natürlichen Geschlecht von Mann und Frau wird also Intersexualität als drittes Geschlecht zur Seite gestellt. Die alte Debatte über natürliches und soziales Geschlecht in neuer Form. Wohlgemerkt nicht in einem linksorientierten Akademikerzirkelheft, sondern in einem Lernbehelf für Volksschüler– mit dem offensichtlichen Kalkül, diesen Transgender, Transsexualität oder was auch immer als vollkommen alltägliche, ganz natürliche und häufig vorkommende Erscheinungen näher zu bringen. Die Medien freilich drangen gar nicht erst so weit in den Inhalt der Broschüre vor. Stattdessen wurde über das antiquierte Familienbild der ÖVP sinniert und den Verteidigern des Lernbehelfs breiter Raum gegeben. Diese wiederum stießen ins selbe Horn. „Sexualerziehung war Konservativen und Rechten seit jeher suspekt“, bemerkte Grünen-Bildungssprecher Harald Walser und der Vorsitzende der Sozialistischen Jugend Wolfgang Moitzi gab einmal mehr beredt Zeugnis von seinen intellektuellen Fähigkeiten, indem er anmerkte: „In welchem Zeitalter leben denn ÖVP und FPÖ, wenn sie sich heute mit Händen und Füßen dagegen wehren, unterschiedliche sexuelle Orientierungen als gleichwertig anzusehen?“ Aus den Beanstandungen spreche der „Geist des Mittelalters“.
Der ORF: Hoffnung vergebens
Einmal mehr hoffte der österreichische Medienkonsument, wenigstens beim öffentlich-rechtlichen ORF jene Objektivität zu finden, zu der er eigentlich verpflichtet ist. Und einmal mehr hoffte er vergebens. Der „Club 2″, griff das Thema nicht etwa im Hinblick auf die politische Verantwortung auf, sondern lud recht boulevardesk zur Diskussion unter dem Titel „Außen Porno, innen prüde – Wie verklemmt ist unsere Gesellschaft?“ Ein Beitrag im Ö1-Abendjournal vom 27. November wurde schließlich mit folgenden Worten einbegleitet: „Angestoßen haben den Protest allerdings nicht etwa besorgte Eltern, sondern eine ultrakonservative Gruppe mit katholischem Hintergrund.“ Gudrun Kugler- Lang und Maximilian Lobmeyr sind nach Lesart des ORF also Ultrakonservative mit katholischem Hintergrund, keine besorgten Eltern. Nun ja, Kugler-Lang ist Juristin und Mutter von drei Kindern, Maximilian Lobmeyr Banker und Vater von deren vier. Das war auch Auslöser ihres Protests, passte aber offensichtlich nicht in das von den Medien geprägte Bild.

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